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Salvatore Cruceli

Die systemistische Theorie Sozialer Arbeit nach Silvia Staub-Bernasconi


Der Systemismus geht auf Silvia Staub-Bernasconi und die Zürcher Schule zurück. Es handelt es sich um einen Ansatz, der sich den Systemtheorien zurechnen lässt und die Theoriediskussion Sozialer Arbeit im deutschen Sprachraum seit mehreren Jahrzehnten wesentlich prägt.

Ausgangspunkt für die Entwicklung der Theorie ist Silvia Staub-Bernasconis Feststellung, dass die Soziale Arbeit keine eigenständige Expertise aufweist und von anderen Disziplinen fremdbestimmt wird1. So entwirft sie 1983 in ihrer Dissertationsschrift die Grundzüge einer systemischen Theorie Sozialer Arbeit2. Dank einer systematischen und eigenständigen theoretischen Fundierung soll die Professionalierung der Sozialen Arbeit vorangetrieben und diese als gleichwertige Disziplin etabliert werden (Staub-Bernasconi, 2002, S. 280).

handlungstheorie arbeitsweisen literatur Emergentsistischer denkfigur

Der emergentistische Systemismus theoretisches Fundament einer Theorie Sozialer Arbeit


Das theoretische Gerüst zur Fundierung ihrer Theorie findet Staub-Bernasconi beim argentinischen Philosophen Mario Bunge. Es handelt sich dabei um eine spezifische Form der Systemtheorie, die im Wissenschaftsdiskurs als „emergentistischer Systemismus“ bezeichnet wird. „Diese Begriffswahl folgt zum einen dem Systemverständnis Bunges, System und Emergenz als Einheit zu konzipieren“ und dient zum anderen als „Abgrenzung gegenüber anderen Systemtheorien“ (Sagebiel, 2012, S. 41).

Ihrerseits betont Staub-Bernasconi immer wieder die Abgrenzung von der Systemtheorie nach Niklas Luhmann (zum Beispiel Staub-Bernasconi, 2000). Der erbitterte Theoriestreit zwischen der Zürcher Schule (mit Staub-Bernasconi als deren wichtigste Vertreterin)3 und der sich auf Luhmann berufenden Bielefelder Schule prägt den deutschsprachigen Fachdiskurs seit den 1990er-Jahren. Die systematische Abgrenzung zwischen den beiden systemtheoretischen Zugängen beschäftigt uns auch im Rahmen dieser Ausführungen; letztlich wird so eine inhaltliche Schärfung und das Verständnis der jeweiligen Positionen gefördert4.

Der System-Begriff nach Mario Bunge

Gemäss Bunge gibt es keine völlig isolierten Dinge. „Jedes Ding interagiert mit (einigen) anderen Dingen“ (2004, S. 71). Daher werden als Grundannahmen der systemistischen Ontologie folgende drei Postulate formuliert:

  1. Jedes konkrete Ding ist entweder ein System oder Bestandteil eines Systems.
  2. Jedes System (mit Ausnahme des Universums) ist ein Subsystem eines anderen Systems.
  3. Das Universum ist ein System, das jedes andere Ding als Teil enthält.
    (Bunge & Mahner 2004, S. 71)

Das Universum wird somit als eine (annähernd unendliche) Menge hierarchisch verschachtelter Systeme und Subsysteme verstanden. Dabei gibt es unterschiedliche Arten von Systemen; „diese können physikalisch, biologisch, psychisch, sozial oder kulturell sein und unterscheiden sich untereinander durch jeweils spezifische Eigenschaften und Gesetzmässigkeiten“ (Staub-Bernasconi, 2012, S. 270).

Allen Arten von Systemen sind drei elementare Eigenschaften gemeinsam, die von Bunge und Mahner (2004, S. 75) im Rahmen der sogenannten ZUS-Analyse beschrieben werden. ZUS steht dabei für Zusammensetzung, Umgebung und Struktur:

Z
(Zusammensetzung)

Jedes System ist aus mehreren (mindestens zwei) Komponenten zusammengesetzt.)

U
(Umgebung)

Jedes System hat eine Umgebung und lässt sich von dieser abgrenzen. Im Prinzip wäre mit Umgebung die gesamte restliche Welt gemeint. Sinnvollerweise bezieht sich „U“ jedoch nur auf diejenige „unmittelbare Umgebung“, die das System beeinflussen kann beziehungsweise die von diesem beeinflusst wird.

S
(Struktur)

„Um wirklich ein System und nicht bloss einen Haufen zu bilden, müssen die Teile eines komplexen Dings mit anderen Teilen interagieren, d. h. es muss Verknüpfungen zwischen den Komponenten des Systems geben“ (Bunge & Mahner, 2004, S.75). Aufgrund dieser Verknüpfungen (oder Relationen) entsteht Struktur5.

Somit lässt sich ein System als ein „Etwas“ definieren, das „aus einer Anzahl von Komponenten besteht (Zusammensetzung), die untereinander eine Menge von konkreten Beziehungen unterhalten (innere Struktur), die sie untereinander mehr binden als gegenüber anderen ‚Dingen’, so dass sie sich gegenüber dem Rest der Welt als Umwelt abgrenzen (externe Struktur).” (Sagebiel, 2012, S. 41).

Emergenz und Prozesshaftigkeit

Der Begriff der „Emergenz“ ist für das Verständnis des Systemismus von entscheidender Bedeutung. Obrecht bezeichnet „System“ und „Emergenz“ als „begriffliche Zwillinge“, die im Mittelpunkt der Theorie stehen (2000, S. 208).

Systemtheorien gehen grundsätzlich von einer hohen Prozesshaftigkeit aus. So befindet sich das Universum im systemistischen Weltbild in einem kontinuierlichen Wandlungsprozess. Systeme müssen sich neuen Gegebenheiten anpassen, gehen dabei neue Verbindungen ein und entwickeln laufend neue Eigenschaften. Dieser Prozess, im Rahmen dessen Eigenschaften neu entstehen, wird als „Emergenz“ bezeichnet; das Gegenstück dazu – das Verschwinden von Eigenschaften – wird als „Submergenz“ definiert (Bunge & Mahner, 2004, S. 79–80)6.

Die Abgrenzung vom Atomismus und vom Holismus

Zur Begründung der spezifisch systemistischen Perspektive bezieht sich Staub-Bernasconi in ihrem Werk immer wieder auf die von Bunge eingeführte paradigmatische Unterscheidung zwischen Atomismus, Holismus und Systemismus.

Mit Atomismus beziehungsweise Individualismus bezeichnet Staub-Bernasconi „eine philosophische, metatheoretische Position, die davon ausgeht, dass alles Existierende aus isolierten, unverbundenen Einheiten besteht (…)“ (2012, S. 268). Mit den Begrifflichkeiten der ZUS-Analyse werden Atomisten „mikroreduktionistisch“ die Zusammensetzung von Systemen betrachten, dabei jedoch Umgebung und Struktur vernachlässigen (Bunge & Mahner, 2004, S. 78).

Das holistische Paradigma konzentriert sich im Gegenteil auf die grossen Zusammenhänge, vernachlässigt dadurch jedoch Eigenschaften und Beziehungen einzelner Systeme und Teilsysteme. „Holisten bevorzugen als Makroreduktionisten die Umgebung (…) und lassen Zusammensetzung und Struktur aussen vor“ (Bunge & Mahner, 2004, S. 78).

Den Mittelweg zwischen Atomismus („Jedes Ding geht seinen eigenen Weg“) und Holismus („Jedes Ding hängt mit allen anderen Dingen zusammen“) nennt Bunge „Systemismus“ (Bunge & Mahner, 2004, S. 71–72). Erst jetzt bewegen wir uns somit im Rahmen einer Systemtheorie.

Staub-Bernasconi nutzt die scharfe Abgrenzung vom Atomismus und vom Holismus, um die Überlegenheit des Systemistismus gegenüber individuumszentierten bzw. ausschliesslich gesellschaftsorientierten Theorien zu bekräftigen. So kritisiert sie (tiefen-)psychologisch-humanistische oder auch sozialpsychologisch-lebensweltlich fundierte Zugänge (←→ Atomismus) und wendet sich vehement gegen „neomarxistische Ansätze der 70-er Jahre“ und gegen „makrosoziale Ansätze Parsonscher und Luhmannscher Provenienz“ (←→ Holismus) (Staub-Bernasconi, 2012, S. 269)7. Der besondere Vorzug des systemistischen Zugangs ist, dass „er eine theoretisch begründete und gleichzeitige Betrachtung des Mikrosozialen wie auch des Makrosozialen erlaubt“ (Staub-Bernasconi, 2012, S. 273).

Die Bedeutung der systemistischen Bedürfnistheorie

Im Systemismus werden Menschen als lern-, sprach- und selbstwissensfähige Biosysteme betrachtet, die von Bedürfnissen determiniert werden. Diese Bedürfnisse können biologisch, psychisch oder sozial sein und sind von Wünschen zu unterscheiden. Bedürfnisse sind elementar und lebensnotwendig. Wünsche können durchaus legitim sein, ihre Erfüllung darf aber nicht zu Lasten der Bedürfnisbefriedigung anderer gehen (Sagebiel, 2012, S. 46). Die Bedürfnisdeterminiertheit des Menschen ist vielleicht der entscheidende Baustein für die Übertragbarkeit des philosophischen Systemismus in die Soziale Arbeit und bestimmt somit wesentlich die Inhalte von Staub-Bernasconis Theorie8. Drei besonders wichtige Implikationen werden im Folgenden kurz erläutert.

(1) Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession

Das grundsätzliche Recht auf die Befriedigung von Bedürfnissen geht notwendigerweise mit einer ethisch-normativen Haltung einher. Dazu bieten die Menschenrechte einen Bezugsrahmen mit universellem Anspruch. Sie sollen die individuelle Bedürfnisbefriedigung der Mitglieder einer Gesellschaft sicherstellen und gelten gleichermassen für alle Menschen, und zwar unabhängig von Geschlecht, Alter, Hautfarbe9. Ethische Aussagen sind somit integraler Bestandteil einer Theorie Sozialer Arbeit.

(2) Soziale Probleme als Gegenstand Sozialer Arbeit

Die mangelnde Befriedigung von Bedürfnissen führt zu inneren Spannungszuständen und ist somit ein primärer Faktor für die Entstehung sozialer Probleme. Das ist wiederum für die Gegenstandsbestimmung der Sozialen Arbeit bedeutsam: Gegenstand Sozialer Arbeit sind gemäss Staub-Bernasconi soziale Probleme (1996, S. 12).

In diesem Zusammenhang knüpft Staub-Bernasconi an die – auf Bunge zurückgehende – Unterscheidung der drei Paradigmen. Aus atomistischer (mikrosozialer) Sicht sind soziale Probleme „Selbstverwirklichungs- und Selbstbehinderungsprobleme von Individuen“, die konsequenterweise nur individuell bearbeitet werden können. Aus holistischer (makrosozialer) Perspektive ergeben sich soziale Probleme durch defizitäre gesellschaftliche Prozesse, zum Beispiel das „Versagen von Sozialisation“ oder „Etikettierungs- und Stigmatisierungsprozesse“. Deren Entstehung wird vor allem durch die Soziologie und Kulturtheorien erklärt – mit dem nachteiligen Effekt, dass dabei der Blick auf das Individuum verloren geht. Im systemistischen Paradigma sind soziale Probleme das Resultat individueller, sozialer und gesellschaftlicher/kultureller Faktoren: Konsequenterweise fragt „das systemistische Paradigma nach dem Erklärungsbeitrag aller Grundlagendisziplinen“ (Staub-Bernasconi, 2012, S. 272–273).

(3) Der Umgang mit Macht

Die ungerechte Verteilung materieller und immaterieller Ressourcen führt dazu, dass eine volle Bedürfnisbefriedigung nur einer Minderheit vorbehalten ist. Das ist für Staub-Bernasconi Anlass für eine differenzierte gesellschaftliche Machtanalyse, in die sowohl gesellschaftliche (makrosoziale) wie auch individuelle (mikrosoziale) Betrachtungen einfliessen. In Anlehnung an Jane Addams klassische Gegenüberstellung legitimer und illegitimer Macht unterscheidet Staub-Bernasconi dabei zwischen Begrenzungs- und Behinderungsmacht. Machtausübung wird somit nicht grundsätzlich tabuisiert – im Gegenteil: Sie wird in spezifischen Kontexten als legitim und notwendig erachtet10. Eine solche transparente Haltung soll Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern erlauben, die eigene Positionsmacht kritisch zu reflektieren11.



Soziale Arbeit als Handlungstheorie


Staub-Bernasconi betrachtet die Soziale Arbeit als eine Handlungstheorie und -wissenschaft, die durch die Verknüpfung sechs verschiedener Wissensformen gekennzeichnet ist: Beschreibungswissen, Erklärungswissen, Wertwissen als Basis für die Zielformulierung, Akteur- und Verfahrenswissen als Interventionswissen zur Erreichung von Veränderungen (vgl. Staub-Bernasconi, 1996, S. 11).

Durch die Formulierung der Wissensformen als W-Fragen entsteht ein Phasierungsmodell methodischen Handelns, das im Aufbau mit der klassischen Phasierung (Anamnese, Diagnose, Intervention, Evaluation) übereinstimmt, diese jedoch differenziert.

Tabelle 1: Die W-Fragen als Phasierungsmodell

Vom klassischen Doppelmandat zum professionellen Tripelmandat

Neben der prozessual-systemischen Denkfigur ist die Ausweitung des Doppelmandates zu einem Tripelmandat zweifellos der im Fachdiskurs am meisten rezipierte Beitrag von Staub-Bernasconi.

Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist das doppelte Mandat der Sozialen Arbeit von Hilfe und Kontrolle. Bezugnehmend auf die klassische Konzeption von Bönisch und Lösch als ein zentrales „Strukturmerkmal der Dienstleistungsfunktion“ ist die Soziale Arbeit angehalten, ein „stets gefährdetes Gleichgewicht zwischen den Rechtsansprüchen, Bedürfnissen und Interessen des Klienten einerseits und den jeweils verfolgten sozialen Kontrollinteressen seitens öffentlicher Steuerungsagenturen andererseits aufrechtzuerhalten“ (zit. nach Staub-Bernasconi, 2007, S. 6).

In einer sehr engen Auslegung des doppelten Mandates, so Staub-Bernasconi, genügt es, die entsprechenden „gesellschaftlichen Normen, Gesetze sowie methodischen Verfahren zu kennen“ und „die sozial abweichenden Tatbestände“ subsumtionslogisch bestimmten „Gesetzen, Verfahren, Vorschriften, Fallsteuerungskontingenten“ zuzuordnen. Bei diesem Verständnis Sozialer Arbeit bleibt kaum Raum für eine eigenständige Expertise. Bei einer breiteren Auslegung des doppelten Mandates besteht für die Soziale Arbeit Spielraum für fallspezifische Verhandlungs- und Mediationsprozesse, doch finden diese notwendigerweise immer im Rahmen eines Machtgefälles statt. „Ungeachtet dieser Unterscheidung charakterisiert das doppelte Mandat einen sozialen Beruf, aber nicht eine Profession“ (Staub-Bernasconi 2007, S. 6).

Erst durch die Konzeptualisierung eines dritten Mandates wird der Beruf Soziale Arbeit zur Profession. Dieses Mandat besteht zum einen aus einer wissenschaftlichen Fundierung der professionellen Praxis und zum anderen aus einem „Ethikkodex, den sich die Profession unabhängig von externen Einflüssen gibt und auch seine Einhaltung kontrolliert, kontrollieren sollte“ (Staub-Bernasconi, 2007, S. 6–7)12. Im Zusammenhang mit dem Ethikkodex stärkt Staub-Bernasconi die eigenständige Expertise mit dem Verweis auf den Umstand, dass Gesetze wohl legal, aber nicht unbedingt ethisch legitim sind“ (2018, S. 112).

„Die wissenschaftlich und ethisch begründete relative Autonomie im Zusammenhang mit Entscheidungs- und Handlungsspielräumen“ ist, so Staub-Bernasconi, das „konstitutive Merkmal einer Profession“ (Jahr, S. X).

Die beiden ersten Mandate bleiben natürlich weiterhin bestehen, doch können sie „aufgrund des dritten Mandates auch einer kritischen Beurteilung und Revision unterzogen werden“ (Staub-Bernasconi, 2018, S. 116-117)13.

Alles in allem stellen im Professionalisierungsdiskurs die explizite Benennung und die inhaltliche Ausformulierung des Tripelmandates einen klaren Fortschritt dar.

Abbildung 1: Das Tripelmandat in der Sozialen Arbeit

Die prozessual-systemische Denkfigur

Ausgehend von den beschriebenen theoretischen Grundvoraussetzungen, entwickelt Staub-Bernasconi mit der prozessual-systemischen Denkfigur ein methodisches Vorgehen, das eine systematische und wissenschaftlich gesicherte Problembeschreibung und -analyse erlaubt.

Staub-Bernasconi unterscheidet dabei vier Problemkategorien (Staub-Bernasconi, 1996). Diese dienen der konkreten Analyse sozialer Probleme, und zwar sowohl im individuellen (mikrosozialen) wie auch im gesellschaftlichen (makrosozialen) Bereich.


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Abbildung 2: Kategorien sozialer Probleme

(1) Ausstattung

Sie wird wiederum in sechs verschiedene Dimensionen unterteilt: körperliche Ausstattung, sozio-ökonomische beziehungsweise sozial-ökologische Ausstattung, die Ausstattung mit Erkenntniskompetenz, die symbolische Ausstattung, die Ausstattung mit Handlungskompetenz und schliesslich die Ausstattung mit sozialen Mitgliedschaften. So können einzelne Individuen, aber auch Familien, Gruppen oder sogar grössere Gemeinschaften und Institutionen in Bezug auf ihre Probleme analysiert werden.

(2) Austausch

Diese Dimension erlaubt es, ausgewählte Austauschbeziehungen durch die verschiedenen Ausstattungsebenen hindurch zu analysieren. Im Vordergrund steht dabei die Frage nach den ausgetauschten Gütern und ob es sich dabei gesamthaft um einen symmetrischen oder asymmetrischen Austausch handelt. In letzterem Fall ist die Soziale Arbeit dazu aufgerufen, genauer hinzuschauen und allenfalls zu intervenieren.

(3) Macht

Hier werden ausgewählte Machtbeziehungen durch die verschiedenen Ausstattungsebenen hindurch analysiert. Dabei fragen wir nach den eingesetzten Machtquellen. Aus Sicht der Sozialen Arbeit ist besonders relevant, ob die Machtausübung begrenzend oder behindernd ist. Im Falle einer behindernden Machtausübung wird eine Intervention durch die Soziale Arbeit notwendig.

(4) Kriterien

Hier geht es um die Frage nach konkreten gesellschaftlichen Kriterien (Werten), die in der analysierten Problemlage von Bedeutung sind. Diese Dimension fragt ausschliesslich nach gesellschaftlichen Bedingungen und unterstreicht damit den Anspruch der Sozialen Arbeit, neben der Mikroebene auch den Makrobereich abzudecken.


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Übersicht

Mit der prozessual-systemischen Denkfigur erhält die Soziale Arbeit ein Instrument für eine systematische und mehrschichtige Problembeschreibung. Die Möglichkeit, auf diesem Wege zu einer wissenschaftlich begründeten Diagnose zu kommen, macht die Expertise der Sozialen Arbeit aus.

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Abbildung 3: Die Ausstattung

Abhängig vom jeweiligen kontextuell definierten hierarchischen Verhältnis werden soziale Beziehungen entweder als (horizontale) Austausch- oder (vertikale) Machtbeziehungen analysiert.

Im Falle der Analyse einer (horizontalen) Austauschbeziehung fragen wir nach den Medien, die durch die jeweiligen Ausstattungsdimensionen hindurch ausgetauscht werden. Geiser (2015) differenziert die Austauschmedien folgendermassen:

  • Kontakt/Berührung/Sexualität (körperliche Ausstattung)
  • Gütertausch
    (sozioökonomische und sozialökologische Ausstattung)
  • Kommunikation und Koreflexion
    (Ausstattung mit Erkenntniskompetenz und symbolische Ausstattung)
  • Kooperation/Koproduktion
    (Ausstattung mit Handlungskompetenz)
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Abbildung 4: Die Analyse von Austausch- und Machtbeziehungen


Falls dabei das „Gegenseitigkeitsprinzip“ (Staub-Bernasconi, 1996, S. 21–22) missachtet wird, sprechen wir von einer asymmetrischen Austauschbeziehung. Aus Sicht der Sozialen Arbeit besteht grundsätzlich Handlungsbedarf.

Im Falle der Analyse einer (vertikalen) Machtbeziehung fragen wir nach den Machtquellen, die durch die jeweiligen Ausstattungsdimensionen hindurch eingesetzt werden. Geiser (2015) definiert diese folgendermassen:

  • Körpermacht (körperliche Ausstattung)
  • Güter- und Ressourcenmacht (sozioökonomische und sozialökologische Ausstattung)
  • Artikulationsmacht (Ausstattung mit Erkenntniskompetenz)
  • Definitions- oder Modellmacht (symbolische Ausstattung)
  • Positions- und Organisationsmacht (Ausstattung mit Handlungskompetenz)

Aus Sicht der Sozialen Arbeit besteht Handlungsbedarf, wenn die Machtausübung illegitim beziehungsweise behindernd ist.

Die prozessual-systemische Denkfigur wurde von Staub-Bernasconi im Rahmen ihrer Dissertationsarbeit Anfang der 1980er-Jahre entwickelt und danach in verschiedenen Publikationen immer wieder neu aufgenommen14. Kaspar Geiser, ein prominenter Vertreter der Zürcher Schule, hat die prozessual-systemische Denkfigur in seinem Hauptwerk „Problem- und Ressourcenanalyse in der Sozialen Arbeit. Eine Einführung in die Systemische Denkfigur“ (2007) zu einem fundierten methodischen Vorgehen weiterentwickelt. Dieses wurde in der Praxis breit rezipiert und wenn wir heute in unterschiedlichsten Praxisfeldern mit Staub-Bernasconis Zugang in Berührung kommen, dann steht häufig Geisers sehr zugängliches Buch in den Regalen der betreffenden Praktikerinnen und Praktiker15.

Arbeitsweisen

Neben einem fundierten theoretischen Gerüst und einem wissenschaftlich begründeten diagnostischen Verfahren braucht die Soziale Arbeit ein Repertoire handlungsleitender Methoden und Verfahren. Um diesen Anspruch einzulösen, entwickelt Staub-Bernasconi acht Arbeitsweisen. Sie geht dabei von den Problemkategorien und -dimensionen der prozessual-systemischen Denkfigur aus und stellt damit sicher, dass auch die angewendeten Verfahren spezifisch für die Soziale Arbeit sind. Das ist ein weiterer Beitrag Staub-Bernasconis zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit.

Problemkategorie bzw. Problemdimension Arbeitsweise
Körperliche Ausstattung Externe Ressourcenerschliessung
Sozioökonomische/ / sozialökologische Ausstattung
Ausstattung mit Erkenntniskompetenz Bewusstseinsbildung
Symbolische Ausstattung Modell-, Identitäts- und Kulturveränderung
Ausstattung mit Handlungskompetenz Handlungskompetenz-Training und Teilnahmeförderung
Ausstattung mit sozialen Mitgliedschaften Soziale Vernetzung und Ausgleich von Pflichten und Rechten
Austausch
Macht Umgang mit Machtquellen und Machtstrukturen
Kriterien Kriterien- und Öffentlichkeitsarbeit
Sozialmanagement

Tabelle 2: Die Zuordnung der Arbeitsweisen zu den Problemkategorien bzw. Dimensionen


Würdigung

Die Verdienste von Silvia Staub-Bernasconi für die Etablierung der Sozialen Arbeit als wissenschaftliche Disziplin und Profession sind unbestreitbar. Mit einem äusserst systematischen Zugang, tief durchdachten theoretischen Fundamenten, Analyseverfahren und Handlungsanleitungen liefert sie einen grossartigen Beitrag für eine fachlich begründete, von Selbstvertrauen geprägte, professionelle Identität der Praktikerinnen und Praktiker der Sozialen Arbeit.

Die Soziale Arbeit ist eine vollwertige Profession (…). Sie ist eine anerkannte Disziplin in der Human- und Sozialwissenschaft (…). Sie kann ihr Handeln wissenschaftlich begründen (…). Ihr gesellschaftliches Mandat als Beitrag zur Bearbeitung sozialer Probleme ist mehrheitlich unbestritten. Ihre Expertise ist im öffentlichen Diskurs und sozialpolitischen Gestaltungsprozess gefragt und hat Einfluss auf politische Entscheidungen. (Staub-Bernasconi 2007, S. 3)



Literatur


Bunge, Mario & Mahner, Martin. (2004). Über die Natur der Dinge. Materialismus und Wissenschaft. Stuttgart: Hirzel.

Geiser, Kaspar. (2015). Problem- und Ressourcenanalyse in der Sozialen Arbeit. Eine Einführung in die Systemische Denkfigur(6., korrigierte Auflage). Luzern, Freiburg im Breisgau: Lambertus-Verlag.

Hege, Marianne & Heitkamp, Hermann. (Hrsg.). (2002). Soziale Arbeit in Selbstzeugnissen. Freiburg im Breisgau: Lambertus-Verlag.

Heiner, Maja, Meinhold, Marianne, Spiegel, Hiltrud von & Staub-Bernasconi, Silvia. (Hrsg.). (1996). Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit(3. Auflage). Freiburg im Breisgau: Lambertus-Verlag.

Klassen, Michael. (2004). Was leisten Systemtheorien in der sozialen Arbeit? Ein Vergleich der systemischen Ansätze von Niklas Luhmann und Mario Bunge (2003). Bern: Haupt.

Merten, Roland. (Hrsg.). (2000). Systemtheorie sozialer Arbeit. Neue Ansätze und veränderte Perspektiven.Opladen: Leske + Budrich.

Obrecht, Werner. (2000). Soziale Systeme, Individuen, soziale Probleme und Soziale Arbeit. Zu den metatheoretischen, sozialwissenschaftlichen und handlungstheoretischen Grundlagen des „systemistischen Paradigmas“ der Sozialen Arbeit. In Roland Merten (Hrsg.), Systemtheorie sozialer Arbeit. Neue Ansätze und veränderte Perspektiven (S. 207–224). Opladen: Leske + Budrich.

Sagebiel, Juliane & Vanhoefer, Edda. (2012). Teamberatung in Unternehmen, Verbänden und Vereinen. Niklas Luhmann und Mario Bunge: Systemtheorien für die Praxis(2., überarbeitete, aktualisierte und erweiterte Auflage). Stuttgart: Ibidem.

Staub-Bernasconi, Silvia. (1996). Soziale Probleme – Soziale Berufe – Soziale Praxis. In Maja Heiner, Marianne Meinhold, Hiltrud von Spiegel & Silvia Staub-Bernasconi (Hrsg.), Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit(3. , S. 11–137). Freiburg im Breisgau: Lambertus

Staub-Bernasconi, Silvia. (2002). Silvia Staub-Bernasconi *12.5.1936. In Marianne Hege & Hermann Heitkamp (Hrsg.), Soziale Arbeit in Selbstzeugnissen,2(S. 273–326). Freiburg im Breisgau: Lambertus-Verlag.

Staub-Bernasconi, Silvia. (2012). Soziale Arbeit und soziale Probleme. Eine disziplin- und professionsbezogene Bestimmung. In Werner Thole (Hrsg.), Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch(4. Auflage, S. 267–282). Wiesbaden: VS Verlag.

Staub-Bernasconi, Silvia. (2007). Vom beruflichen Doppel- zum professionellen Tripelmandat. Wissenschaft und Menschenrechte als Begründungsbasis der Profession Soziale Arbeit. Abgerufen von: http://www.avenirsocial.ch/cm_data/Vom_Doppel-_zum_Tripelmandat.pdf

Staub-Bernasconi, Silvia. (2018). Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Soziale Arbeit auf dem Weg zu kritischer Professionalität(2., vollständig überarbeitete u. aktualisierte Ausgabe). Opladen, Toronto, Leverkusen: Barbara Budrich.

Thole, Werner. (Hrsg.). (2012). Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch(4. Auflage). Wiesbaden: VS Verlag.



  1. In einer kritischen Auseinandersetzung mit Albert Scherr beschreibt Staub-Bernasconi diesen Umstand eindringlich: „Von daher ist es nicht erstaunlich, dass Soziale Arbeit als ‚ganz normaler Beruf‘, als Praxisfeld, deren Zusammenhang eher historisch als theoretisch-systematisch zu begreifen sei. (…) Das zentrale Problem sind hier nicht in erster Linie die im Kontext der Zusammenarbeit prinzipiell unvermeidlichen Fremddefinitionen, sondern: dass den Fremddefinitionen nichts Präzises, Eigenständiges (…) entgegengesetzt werden kann (…)“ (Staub-Bernasconi, 2007, S. 2).
  2. Die Dissertationsschrift ist vergriffen, die wichtigsten Ideen finden sich jedoch in kompakterer und weit zugänglicherer Form in späteren Schriften (vgl. zum Beispiel Staub-Bernasconi, 2018; Staub-Bernasconi, 1996).
  3. Die „Zürcher Schule“ verdankt ihren Namen dem Umstand, dass der emergentistische Systemismus während mehrerer Jahrzehnte an der Schule für Soziale Arbeit in Zürich weiterentwickelt und gelehrt wurde. Wichtig sind in diesem Zusammenhang neben Silvia Staub-Bernasconi vor allem Werner Obrecht und Kaspar Geiser.
  4. Klassen (2004) und Sagebiel (2012) sind gute Beispiele für einen solchen systematischen Vergleich.
  5. Beispielsweise entsteht durch die Relationen zwischen den verschiedenen Himmelskörpern (Sonne, Planeten, Monde, Asteroiden, Kometen) die Struktur des Planetensystems.
  6. Diese System-Prozesse sind dabei durchaus evolutionär zu verstehen: „Die Anzahl der existierenden Dinge in der Welt sind das Ergebnis eines prozessualen, räumlichen und zeitlich ausgedehnten Differenzierungsprozesses. Im Verlaufe der Evolution haben sich aus einfachen Systemen durch Zusammenschlüsse komplexe Systeme herausgebildet, indem die einzelnen Systeme zu Komponenten von komplexen Systemen wurden. Das Resultat dieser Prozesse sind spezifische emergente Eigenschaften der einzelnen Systeme (…)” (Sagebiel, 2012, S. 41).
  7. In einem autobiografischen Beitrag erinnert sie an ihre „immer wieder geäusserte Kritik am menschenverachtenden Potential holistischer Theorien und Handlungsentwürfe, ob nationalistisch, neo-marxistisch, ‚systemisch’, oder religiös“ (Staub-Bernasconi, 2002, S. 305).
  8. Staub-Bernasconi bezeichnet „menschliche Bedürfnisse als Ausgangspunkt sozialarbeiterischer Theoriebildung“ (2018, S. 86).
  9. Kritisch könnte dem entgegengehalten werden, dass die Menschenrechte in der aufgeklärten westlichen Welt entstanden sind und allein aus diesem Grund keinen universellen Anspruch haben können. Auch stützen die Bedürfnisorientierung und die Menschenrechtsperspektive einen eher individualisierenden Blick auf die Gesellschaft und den Menschen.
  10. Ausführliche Betrachtungen zum Thema Macht finden sich unter Staub-Bernasconi (1996, S. 24–35) und Staub-Bernasconi (2018, S. 281–284; S. 405–435).
  11. Staub-Bernasconi entwickelt dazu das Instrument der Machtquellenanalyse, das Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern erlauben soll, einen selbstreflexiven Blick auf den Einsatz eigener Machtquellen zu werfen (vgl. Staub-Bernasconi, 2018, S. 435–454).
  12. vgl. auch Staub-Bernasconi, 2018, S. 111–122.
  13. Staub-Bernasconi nimmt in ihrer letzten Veröffentlichung die mögliche Kritik vorweg, dass diese (relative) Autonomie auch schon im doppelten Mandat nach Böhnisch und Lösch präsent war. Ihrer Meinung nach wurde „in diesem bis heute einflussreichen Artikel (…) der Schritt zur Profession mit relativer und ethischer Autonomie (schon) eingeleitet“ (2018, S. 113).
  14. Eine gut lesbare und doch genügend differenzierte Beschreibung der prozessual-systemischen Denkfigur findet sich in Staub-Bernasconi (1996) und Sagebiel (2012).
  15. Leider hat Geiser im Vergleich zu Staub-Bernasconi eine kleine, jedoch wesentliche Änderung angebracht, die fachlich wenig nachvollziehbar ist und einige Verwirrung stiftet. Geiser führt in der Ausstattung nämlich „die Rezeptoren“ als neue Dimension ein. Diese entsprechen den menschlichen Sinnesorganen und sollen dahingehend betrachtet werden, ob sie intakt sind oder nicht. Die Einführung dieser neuen Kategorie bringt für die Analyse einzelner Fallsituationen keinen sichtbaren Gewinn (allfällig beschädigte Sinnesorgane würden im ursprünglichen Modell einfach im Rahmen der „körperlichen Ausstattung“ analysiert). Während Geiser einerseits also eine neue (unnötige) Kategorie schafft, lässt er andererseits die „Ausstattung mit Erkenntniskompetenz“ mit der „symbolischen Ausstattung“ zusammenfallen. Das hat zur Folge, dass nun die differenzierte Betrachtung dieser beiden (im ursprünglichen Modell von Staub-Bernasconi noch getrennten) Ausstattungsdimensionen erschwert oder gar verunmöglicht wird. So unerheblich die von Geiser vorgenommene Änderung auf Anhieb erscheinen mag, so hat sie in Anbetracht der systemischen Verknüpfung der vier Problemkategorien für das methodische Handeln mit der prozessual-systemischen Denkfigur doch einige Konsequenzen.